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Kurzfristiges Denken - langfristiges Denken

     Info-Brief 1/2004 - "Kurzfristiges Denken - langfristiges Denken"




In dem Buch "Mysterium Geld" setzt sich Bernard A. Litaer, Zentralbankier und professioneller Währungsspekulant, Berater von multinationalen Konzernen wie von Regierungen in Entwicklungsländern, Universitätsprofessor für internationales Finanzwesen und Präsident eines elektronischen Zahlungssystems äußerst kritisch mit unserem Geldsystem auseinander. Er unterscheidet dabei zwischen Yang-Geld (dem Geldsystem mit eher männlichen Eigenschaften) und Yin-Geld (mit eher weiblichen Eigenschaften).

Seine Hauptthese: Der Mensch ist eine "Zusammenballung" verschiedener Archetypen: Des Herrschers (mit den Schattenseiten Tyrann und Schwächling), des Kriegers (mit den Schattenseiten Sadist und Masochist), des Liebhabers (mit abhängig und impotent), des Magiers (mit hyper-rational und willkürlich) und des Ernährers / der Großen Mutter (mit Gier und Knappheit). Kein Archetyp wurde so ignoriert und verdrängt wie der Ernährer / die große Mutter in unserer patriarchalischen Gesellschaft. Und da verdrängte Bereiche dazu führen, dass sich ihre Schattenseiten manifestieren, zeigen sich im Bereich des Geldsystems vor allem die Schattenseiten der "großen Mutter", Gier und Knappheit realisiert.

Bernard A. Litaer bezeichnet als "Yin"-Geld alle Systeme, bei denen das Geld einem gewissen Schwund unterliegt, kurz werden diese Geldsysteme deshalb auch als "Schwundgeld" bezeichnet. Heute sind solche Systeme durch den Kaufmann Silvio Gesell bekannt geworden, der in der Depression zwischen erstem und zweitem Weltkrieg die "Natürliche Wirtschaftsordnung" (wieder-)entdeckte. Die Tiroler Gemeinde Wörgl hat damit in kurzer Zeit höchst erfreuliche Ergebnisse erzielt.

Eines der Eigenschaften unseres derzeitigen (Yang-)Geldsystems liegt - durch die Funktion der Abzinsung - in der Verharmlosung all dessen, was weit in der Zukunft liegt. "Abzinsung" bedeutet, dass ein Geldbetrag, der erst in der Zukunft erwirtschaftet wird oder erst in der Zukunft als Kosten anfällt, mit einem vorherbestimmten Zinssatz reduziert wird, bis ein entsprechender Gegenwartswert entsteht. Dieser Gegenwartswert würde - angelegt mit dem verwendeten Zinssatz - wieder den ursprünglichen Geldbetrag ergeben.

Ein Beispiel zeigt die enorme Wirkung dieses Effektes. Ein Betrag von 1 Mio. Euro, der erst nach x Jahren zur Verfügung steht, ist bei einem Zinssatz von 10 % pro Jahr wert:

     Nach Jahren      Wert
1 909.090,91
2 826.446,46
3 751.314,80
4 683.013,46
5 620.921,32
10 385.543,29
15 239.392,05
20 148.643,63
25 92.296,00
30 57.308,55


Die Folgen dieses Systems sind offensichtlich: Jegliches Handeln reduziert sich auf eine sehr kurzfristige Perspektive. Politiker wählen ihre Aktionen mit Blick auf kurzfristige Stimmengewinne aus. Wirtschaftsunternehmen sind dem "Shareholder-Value"-verpflichtet. Zwei schlechte Quartalsergebnisse führen sofort zu grundlegenden Restrukturierungen, Einsparungsmaßnahmen bis zur harten Kritik an Vorstand und Geschäftsführung. In der Fußball-Bundesliga sind die Trainerposten als "Schleudersitze" seit langem bekannt.

Eine andere Welt ist heute schwer vorstellbar. Denn das Geldsystem ist unser grundlegendes Weltbild - alles, was wir wahrnehmen, wird durch die Brille dieses Systems betrachtet. Es wird gewissermaßen als "Teil unserer Natur" angesehen, und tatsächlich basiert der gesamte Bereich der Wirtschaftswissenschaften auf dieser Annahme eines Zinsgeldsystems mit allen Folgen.

Doch es geht auch anders: Schon im alten Ägypten war über mindestens 1500 Jahre neben dem Yang-Geld ein wesentlich bedeutsameres Yin-Geld in Anwendung. Dieses verlor kontinuierlich an Wert, es hatte somit einen wesentlich natürlicheren Ansatz, denn die meisten anderen Güter verloren ebenfalls mit zunehmendem Alter an Wert. Im Mittelalter begann England 973 n. Chr. ebenfalls mit der Einführung eines solchen Geldes. Dänemark, Böhmen, Ungarn, Polen und Deutschland folgten ab 1075 n. Chr. innerhalb einer Generation. Auch wenn die Methodik zur Realisierung des Wertverlustes des Geldes in Europa nicht den ausgeklügelten Stand Ägyptens erreichte, so ist diese Zeit des Hochmittelalters doch für ihre extreme Lebensqualität bekannt. Handwerksgesellen arbeiteten im Jahresdurchschnitt ca. 4 Tage pro Woche zu je 6 Stunden pro Tag. Auffallend ist die extreme Bautätigkeit, Städteneugründungen und vor allem der Bau zahlreicher Kathedralen fällt in diese Zeit. Die Orientierung der Menschen (denn diese bauten und diesen gehörten auch die Kathedralen, nicht den Kirchen) war klar langfristig angelegt: Damals profitierten sie durch die Kathedralen vom ständigen Pilgerstrom, und sogar heute, 700 - 900 Jahre später sind Städte mit solch großen, beeindruckenden Bauwerken Anziehungspunkt für zahlreiche Touristen. Eine solch langfristige, vorausschauende Handlungsweise verbietet sich heute quasi von selbst - durch das derzeit herrschende Geldsystem!

Die Folgen sind zwar von Land zu Land unterschiedlich, aber für alle gleichermaßen fatal: Rohstoffreiche Länder beuten für den kurzfristigen Profit ihre Bodenschätze und natürlichen Ressourcen aus, ohne einen Gedanken an die Zukunft zu verschwenden. In Ländern wie Deutschland, wo der nahezu einzige "Rohstoff" das Wissen, die Kreativität und Innovationskraft, die Zuverlässigkeit und Disziplin der Menschen ist, konkurriert die Sicherheit, die der Einzelne durch die Anlage seines Verdienstes erzielen kann, mit dem Bedürfnis nach Weiterbildung und Höherqualifizierung, die einen Teil eben dieses Geldes kostet (das Geld des Einzelnen, seines Arbeitgebers und / oder des Staates). Sicherheit durch Geld oder Sicherheit durch Fähigkeiten - das ist das auf einen kurzen Nenner gebrachte Dilemma, in dem heute jeder steckt.

Von Henry Ford stammt der Satz: Wer aufhört zu werben, um Geld zu sparen, kann ebenso seine Uhr anhalten, um Zeit zu sparen.. Wer die Quintessenz dieser Weisheit auf die Fort- und Weiterbildung anwendet, der kommt zu dem Schluß: Wer aufhört, in seine persönliche Qualifikation, in seine Fähigkeiten und seine Persönlichkeit zu investieren, der wird irgendwann das Nachsehen haben.