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     Info-Brief 10/2005 - "Die Bedeutung von Hilfe / des Helfens"




Geben ist seliger als Nehmen steht in der Bibel, und manche betrachten diese Aussage des Jesus von Nazareth in ihrer rein spirituellen Bedeutung für den Gebenden (den Helfer). Bei genauer Betrachtung stellt sich jedoch heraus, dass sie weit mehr ist.
Der Trieb oder Wunsch, jemandem zu helfen, resultiert aus einer höheren Motivation: der Verantwortung. Dazu habe ich in dem Info-Brief von Juni 2005 bereits einiges geschrieben, so dass ich dieses Thema hier nicht noch einmal aufgreifen möchte. Nur soviel möchte ich dazu erwähnen: Verantwortung bedeutet das Gefühl der Zuständigkeit für unsere Umwelt. Die entscheidende Frage in diesem Zuständigkeitsgefühl ist die Frage: Helfe ich einer Sache oder Person mit dem, was ich tue bzw. nicht tue, oder helfe ich ihr nicht?
"Mit dem was ich tue bzw. nicht tue" ist vielleicht die entscheidende Passage in dem letzten Satz - wie kommt es dazu, dass man manchmal helfen möchte, manchmal sich sogar regelrecht innerlich dazu getrieben fühlt, und manchmal gar keine Veranlassung dazu sieht? Die Antwort ist recht einfach: Grundsätzlich hat jeder Mensch das Bedürfnis dazu, helfen zu wollen (warum, dazu komme ich später). Wenn dieses Bedürfnis für ihn nicht spürbar ist, so resultiert dies aus einem Fehlschlag: Er hat früher in einem ähnlich gelagerten Fall versagt zu helfen oder konnte einen ähnlichen selbst für sich nicht zum Erfolg führen.
Um die Sache konkreter zu formulieren: Wenn Sie ein Problem in Ihrem Beruf nicht lösen konnten, werden Sie auch keinen Wunsch danach spüren, jemand anderem zu helfen, der ein ähnliches Problem zu lösen hat. Wenn Sie in der Schule Schwierigkeiten mit Mathematik hatten, werden Sie auch keinen Drang danach verspüren, anderen (und seien es Ihre eigenen Kinder) bei der Bewältigung Ihrer Mathematik-Probleme zu helfen.
Die Erfahrung zeigt, dass die Haltung störrischer, unerzogener, launischer Kinder auf eine gemeinsame Ursache zurückzuführen ist - auch hier liegen Fehlschläge zu Grunde: Versagen (bzw. die Anerkennung für eine Leistung versagt zu bekommen), der Verlust geliebter Menschen oder Tiere, oder auch darin versagt zu haben, zu helfen.
Dieser letzte Satz ist wichtig: Versagt zu haben, zu helfen. Hier steckt die ganz praktische Bedeutung der Hilfe für den Helfer:

Ein Mensch fühlt sich so wertvoll, wie es ihm gelingt, anderen zu helfen.

Die gewaltige Bedeutung dieses Satzes ist kaum zu ermessen, ohne Beispiele zu nennen, weshalb ich hier einige Erfahrungswerte aus den verschiedenen Lebensbereichen aufzählen möchte:

  • Gesundheit: Menschen werden in dem Maße "heil", in dem sie das Gefühl haben, gebraucht zu werden - indem man ihnen die Möglichkeit gibt, anderen zu helfen.

  • Beziehung / Partnerschaft: Beziehungen halten so lange, wie die Menschen das Gefühl haben, einander helfen zu können. Partnerschaftsprobleme lassen sich mit der Beantwortung einer einfachen Frage lösen: Was gelingt Euch nicht (wobei könnt Ihr einander nicht helfen)? Hat man Probleme mit einem Menschen, ist das ein Zeichen dafür, dass man ihm nicht genügend hilft.

  • Kriminalität: Hier möchte ich auch andere Bereiche mit abhandeln, so z.B. die "Ausländerproblematik", zunehmendes "Aggressionspotenzial", "Vandalismus", usw. Wie kommt es zu all diesen Erscheinungen? Ein Mensch wird in dem Maße kriminalisiert, in dem es ihm nicht gelingt (bzw. ihm nicht erlaubt wird), zu helfen bzw. seine Hilfe nicht anerkannt oder sogar verbal zunichte gemacht wird. Die Ausländerproblematik ist - wie im Bereich der Beziehung - häufig mit einer einfachen Frage zu lösen. Da In- und Ausländer das Gefühl haben, sich nicht helfen zu können, einander nichts geben zu können, nehmen sie sich etwas, wenn es sein muss mit Gewalt. So hilft es, wenn konkurrierende Gruppen zusammen die folgende Frage erörtern: Was können wir einander geben, wobei können wir einander unterstützen? Auf solche Art und Weise ließen sich möglicherweise sogar Völkerkonflikte regeln...

  • Abhängigkeit / Freiheit: Wie viele Menschen glauben nicht, sie seien von anderen abhängig (finanziell, psychisch, ...)? Abhängigkeit löst man, Freiheit gewinnt man in dem Maße, wie man anderen Menschen hilft. Helfen zu können ist ein Zeichen der Stärke und Unabhängigkeit, nicht der Abhängigkeit!

  • Widerstand gegen Hilfe: Wenn ich Menschen davon erzähle, wie einfach es wäre, die Arbeitslosigkeit zu beseitigen, die Wirtschaft auf Nachhaltigkeit auszurichten, die Sozialsysteme gesunden zu lassen und die Staatsverschuldung abzubauen (siehe die Newsletter vom Januar 2004 und Oktober 2004), so entsteht oft ein heftiger Widerstand. Lange habe ich mich gefragt, woher dieser Widerstand resultiert, bis ich die Mechanismen des Helfens durchschaut habe. Die genannten Themen interessieren praktisch jeden Menschen, nahezu jeder möchte diese Situation lösen, verbessern, durchschauen. Aber nur die wenigsten hatten bisher das Glück, an die richtigen Informationen zu gelangen - sie haben also nach ihrem inneren Gefühl dabei "versagt", zu helfen, also haben sie das innere Gefühl, dass sie es nicht wert wären, dass ihnen geholfen wird!
    Die Lösung liegt also darin, ihnen die Möglichkeit zu geben, dieses eigene Wert-Gefühl wieder aufzubauen. Ich wiederhole dazu nochmals den entscheidenden Satz: Ein Mensch fühlt sich so wertvoll, wie es ihm gelingt, anderen zu helfen.
    Es gibt also zwei Möglichkeiten: Herauszufinden, wo es dem anderen nicht gelungen ist, zu helfen, oder sein Selbstvertrauen, seinen Eigenwert zu stärken, indem man ihn bittet, zu helfen.

  • Bildung, Erziehung: Trotzdem ich mich bereits im letzten Newsletter intensiv mit dem Thema Lernen beschäftigt habe, möchte ich hierzu noch weitere Aspekte aus der Sicht der Hilfe hinzufügen. Wenn man die Mechanismen des Helfens zusammenfasst, kann man sie auf eine einfache Formel bringen:
    Gelingen führt zu Gesundheit.
    Der Umkehrschluß: Fehlschläge (aufgrund von Mangel, z.B. Mangel an Informationen, an Hilfe, an Selbstwert, ...) führen zu Verstimmung, dauernde Verstimmung führt zu Krankheit und Kriminalität (= manifestiertem Mangel).
    Unser Bildungssystem ist derzeit darauf ausgelegt (auch wenn die Hochglanzbroschüren ein anderes Ziel vermuten lassen, wie es stets bei Werbung der Fall ist...) auszusieben, zu selektieren, zu bewerten und zu kategorisieren. Wie entsetzt war ich, als ein Physiklehrer mir gegenüber erwähnte, seine Schulaufgabe sei zu gut ausgefallen. Auf Nachfrage erfuhr ich, dass ein Schnitt von 3,06 erzielt wurde. Mein Entsetzen resultierte nicht nur daraus, dass der Lehrer der Meinung war, seine eigene Leistung sei noch schlechter zu bewerten als 3,06 (denn er hatte es ja offensichtlich nicht geschafft, den Schülern den Stoff auf geeignete Weise zu vermitteln), sondern viel mehr aus der Maßnahme, die er plante: den Notenschnitt zu verschlechtern, und somit den Schülern ein Erlebnis des Mißerfolgs zu bescheren. Man kann nur Mitleid mit einem solchen Menschen empfinden, und fragt sich, woran er denn gescheitert ist, dass er sich selbst und den Schülern nicht gönnt, Erfolgserlebnisse zu erfahren?
    Doch nicht nur Lehrer haben Probleme mit ihren Schülern, noch viel mehr Verantwortung lastet auf den Eltern, und viele erleben "unsinnige" Handlungen ihrer Kinder, was oft zu Schelte und Bewertung führt. Vielleicht versuchen Sie einmal die Frage, "Wolltest Du mir gerade helfen?", wenn Ihr Kind etwas macht, was Sie nicht verstehen. Sie werden oft überrascht sein, was passiert...

Zusammenfassend kann man sagen, dass Helfen ein Weg ist, um Verantwortung zu zeigen. Verantwortung zu übernehmen wiederum bedeutet, ein Signal zu geben, dass man bereit ist, den Schwierigkeiten, die sich aus Aufgaben ergeben, zu begegnen, daraus zu lernen und zu wachsen.
Das Interessante dabei ist: Je mehr echte Verantwortung man übernimmt (echt bedeutet, dass man in diesem Bereich zu 100 % geistig präsent ist und passend handelt), desto mehr Kraft erwächst daraus. Natürlich wird man - wenn man für große Projekte die Verantwortung übernimmt - zuerst einmal auf Schwierigkeiten stossen, und muss diese bearbeiten. (Stößt man nicht auf Schwierigkeiten, so gibt es dafür vier mögliche Gründe: 1. Man hat diese Art von Aufgaben bisher immer geschafft; 2. Man hat diese Art von Schwierigkeiten bereits vollkommen konfrontiert und den Stress daraus aufgelöst; 3. Man strebt das Ziel nicht wirklich an; 4. Man ist nicht in Kontakt / abgespalten von gewissen Teilen seines mentalen "Speichers", z.B. durch schwerste Traumata oder auch durch spezielle Meditationstechniken.)
Das Positive an diesen Schwierigkeiten ist jedoch: Durch die Konfrontation mit den Schwierigkeiten, die sich aus verantwortungsvollen Projekten ergeben, werden die kleinen Schwierigkeiten des alltäglichen Lebens fast automatisch gelöst, das Leben wird - trotz der scheinbar großen Probleme - in Wirklichkeit leichter!