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Verantwortung

     Info-Brief 6/2005 - "Verantwortung"




Die aktuelle politische Lage, da Gerhard Schröder demnächst - zum zweiten Mal in der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland - das Mißtrauensvotum stellen wird, drängt mich dazu, ein paar Zeilen zum Thema "Verantwortung" zu schreiben. (Der aufmerksame Leser meiner Homepages weiß, dass ich damit weder für die eine noch die andere Seite politische Empfehlungen aussprechen möchte, denn - wie aus meinem Buch Die Kraft gelebter Visionen bzw. dem Newsletter Kurzfristiges Denken - langfristiges Denken ersichtlich ist, bin ich der Meinung, dass keine Partei in der Lage ist, echte positive Veränderungen zu erreichen, so lange wir in dem derzeitigen Geldsystem und Weltbild verharren.)

Von der einen Seite wird Gerhard Schröder´s Verhalten als verantwortungslos bezeichnet, da er und die Koalition aus SPD und Grünen für vier Jahre gewählt seien, und diesen Auftrag auch komplett erledigen sollten. Die andere Seite argumentiert, dass er sehr verantwortungsvoll handle, da er dem durch diverse Landtagswahlen erkennbaren Trend folge, der zeigt, dass die Koalition aus CDU/CSU und FDP von den Bürgern gewünscht sei, und er damit dem demokratischen Grundgedanken genüge tue. Eine weitere Partei führt an, dass beide Lager bisher ausführlich bewiesen hätten, dass sie nicht in der Lage seien, die Geschicke Deutschlands zum Besten seiner Bürger zu lenken, und es deshalb an der Zeit sei, anderen Gruppierungen eine Chance zu geben - diese Meinung ist jedoch ohne echte Chance in der politischen Machtlandschaft - zumindest glaubten das alle, bis Oskar Lafontaine in einem Bündnis zusammen mit der PDS und Gregor Gysi die politische Bühne (wieder) betrat.

Aus der Reaktion der Medien und politischen Gegner auf diese neue Konstellation ist klar abzulesen, was Verantwortung nicht bedeutet: Eine echte Argumentation ist hier nicht zu erkennen, das meiste, was gesagt und geschrieben wird, strotzt vor Polemik. Von Außen betrachtet stellt sich die Situation recht amüsant dar: Der Macht- und Showmensch Oskar Lafontaine (Zitat in der Süddeutschen Zeitung vom 16.06: Ich bin eitel) wird von anderen Macht- und Showmenschen angegriffen. Die Tatsache, dass sich die anderen Politiker selbst nicht eingestehen, wie macht- und publicity-gierig sie selbst sind, lässt sie in die Falle tappen, diese Eigenschaften dem anderen vorzuwerfen.

Was ist die Lösung, und was hat diese Lösung mit Verantwortung zu tun?

Im Falle der Politiker wäre die Lösung, die schlimmste Variante im Geist konfrontieren zu können: so z.B. der machtgierigste, skrupelloseste Politiker auf Erden zu sein. Dadurch gewinnt der eigene geistige Raum an Größe, das, was bisher abgespalten und ignoriert bzw. verdrängt wurde (aber unbewusst sowieso immer präsent war und das eigene Leben geprägt hat), erweitert den geistigen Raum. Die Verdrängung verliert ihre Kraft, und damit ist abgewendet, was Hiob im Alten Testament (Buch Hiob, 3, 25) mit den folgenden Worten beschrieb: Denn das Schreckliche, das ich befürchtete, ist über mich gekommen, und wovor mir graute, das hat mich getroffen.

Die politische Landschaft ist für viele Menschen weit weg, deshalb einige Beispiele, die vielleicht zeigen, wie man diese Erkenntnis im alltäglichen Leben anwenden kann: Wer beruflich erfolgreich sein möchte, muss z.B. bereit sein (je nachdem, was seine größte Angst ist...)

  • für den Rest seines Lebens den niedrigsten Job zu erledigen,

  • für den Rest seines Lebens unter der Brücke nächtigen zu müssen, da er Insolvenz anmelden musste,

  • den Rest seines Lebens als Arbeitsloser verbringen zu müssen,

  • ...

Die unmittelbare und leicht verständliche Folge einer solchen geistigen Konfrontationsfähigkeit: Die Angst verliert ihre Kraft, die eigene Energie richtet sich in die gewünschte Richtung.
Weitere Beispiele: Wer politisch etwas zum Positiven verändern will, muss vielleicht bereit sein, der politisch am meisten gelangweilte Mensch zu sein, der Bürgerrechtseinschränkungen, Sozialkürzungen und Steuererhöhungen klaglos hinnimmt und sich schließlich sogar in George Orwell´s "1984" gut zurechtfinden könnte. Wer das Geldsystem reformieren möchte, muss möglicherweise bereit sein, der skrupelloseste Unternehmer zu sein, dessen gewaltiger Reichtum auf Kosten des Lebens und der Gesundheit zigtausender, auch minderjähriger, Arbeitnehmer beruht, und der darüber hinaus durch gewiefte Finanztransaktionen noch nie einen Euro Steuern bezahlt hat, trotzdem er über emsige Lobby-Arbeit den Staatshaushalt jährlich um Milliardensummen an Subventionen erleichtert. Für jemanden, der Kriminalität bekämpft, könnte es einen gewaltigen Entwicklungssprung darstellen, bereit zu sein, den Rest seines Lebens in den höchsten Kreisen der organisierten Kriminalität zu verbringen. Jemand, der gegen Mobbing kämpft, müsste vielleicht akzeptieren, sich seinen eigenen Karriere-Weg mit den schärfsten und härtesten Mobbing-Methoden zu erkämpfen. Und wer eine neue, bessere, freiere Religion gründen möchte, müsste vielleicht akzeptieren können, der dogmatischste, geldgierigste, am meisten materiell orientierte Sektenführer aller Zeiten zu sein, der seine Jünger zu seinem eigenen, höchst egoistischen Besten manipuliert und in jeder Art und Weise ausbeutet; ja, vielleicht müsste er sogar akzeptieren, katholischer Papst zu werden ;-)) - ein kleiner Scherz sei mir hier erlaubt...

Ich denke, das Prinzip ist klar: Die "dunkle Seite der Macht", die in der Star Wars-Serie so oft erwähnt wird, hat eben nur so lange Macht, wie wir versuchen, sie zu verdrängen und nicht wahrzunehmen. In dem Moment, in dem wir die dunkle Seite, die in jedem von uns steckt, vollkommen bewusst konfrontieren lernen, verliert sie ihre Macht, und unser geistiger Horizont vergrößert sich. Da die Verantwortung, die wir zu leben in der Lage sind, direkt mit unserem geistigen Horizont verbunden ist, wird eine solche Vorgehensweise den Bereich, wofür wir Verantwortung übernehmen, deutlich vergrößern.