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     Info-Brief 9/2005 - "PISA - oder: Wie lernen funktioniert"




Vor wenigen Jahren wachte die politische Elite ein klein wenig aus ihrem Dornröschenschlaf auf. Der Grund für diese Schlafstörung waren erschreckende Ergebnisse, die die Pisa-Studie erbrachte, und die deutschen Schüler nur im hinteren Mittelfeld auftauchen ließ. Die hektische, aber oft hirnlose Aktivität, die daraufhin von politischer Seite aus entfaltet wurde, war wie üblich umso ergebnisloser, je mehr Wind erzeugt wurde. Besonders hier in Bayern, wo ich die Hintergründe durch Bekanntschaften bis hinein ins Kultusministerium gut beurteilen kann, offenbarte sich, dass die bayerische Staatsregierung bis heute auf die göttlichen Eingebungen wartet, und so schaffte es unser "Landesvater" mit einem undurchdachten Hau-Ruck-Erlaß nicht nur, Schüler mehr vom Falschen zu verordnen, sondern zerstörte gleichzeitig in handstreichartiger Manier die Bemühungen von Schulentwicklungsprojekten von Jahren von Arbeit. Dass dies die Motivation der Lehrer nicht gerade fördert, müsste der Blindeste bemerken...

Dabei zeigten sich mir gerade in den letzten Jahren an dem Gymnasium, an dem meine Partnerin arbeitet, wie Einsatz und Lernwille erzeugt werden:

  • Seit etwa 8 Jahren wird dort im 2-jährigen Rhythmus ein Musical aufgeführt, seit 6 Jahren "müssen" die Hauptdarsteller live singen. Dieses Erlebnis erfasst einen Großteil dieser Schule, von den Kunst-Leistungskursen, die für die Kulissen sorgen, über die Technik bis hin zu Bigband, Chören und den Darstellern selbst. Und auch einige Lehrer opfern viel ihrer knapp bemessenen Freizeit, so mancher hat schon seine Sommerferien dazu verwendet, um Musik zu komponieren...
    Was bei diesen Bemühungen herauskam, ist beeindruckend. Wer die üblichen Schulkonzerte kennt, wo Eltern die musikalischen Ergüsse ihrer Sprößlinge über sich ergehen lassen, ist baff erstaunt: Eine solche Zusammenarbeit wie in den Musicals, die ich in den letzten Jahren gesehen habe, addiert wohl nicht die Kräfte, sondern multipliziert sie. Ergebnis waren professionelle Aufführungen, die auch ihren Platz in der Stadthalle hätten finden können! (Und diese Aussage gilt auch, wenn ich die Hauptdarstellerin von 2001 und 2003 ausnehme, die aufgrund ihrer Erfahrung von 2001 so viel Spaß am Gesang gefunden hat, dass sie zwei Jahre lang Gesangsunterricht bei einer pensionierten Opernsängerin genommen hat - was 2003 äußerst beeindruckend zu erleben war. Dieser Fall zeigt auch, wie solche Projekte dazu führen können, unentdeckte Talente zu entdecken und zu fördern.).

  • Wer kennt sie nicht, die Bundesjugendspiele, bei der - je älter, umso ausgeprägter - Kinder und Jugendliche sich bemühen, einen Dreikampf aus Sprint, Ballwurf oder Kugelstoßen und Weitsprung möglichst schnell hinter sich zu bringen, um den Rest des Tages frei zu haben?!
    Als meine Partnerin die Aufgabe für einige Jahre übernahm, um die Bundesjugendspiele an ihrer Schule zu organisieren, führte sie ein, dass viele verschiedene Sportarten gemacht werden konnten. Die "Kleinen" machten noch den üblichen Dreikampf, denn diesen macht dies noch Spaß, aber die größeren Schüler spielten Fußball, Volleyball, Badminton, Tennis, gingen Joggen oder Radfahren oder sogar zum Kegeln - und gar mancher wunderte sich sehr, wenn er am nächsten Tag Muskelkater hatte, obwohl er sich doch eine vermeintlich "leichte" Sportart ausgesucht hatte...
    Seit zwei Jahren nun organisiert ein anderer Kollege ein ganz anderes Ereignis statt des veralteten Dreikampfes: einen 24-Stunden-Lauf. Jeder Schüler jeder Altersstufe und jeder Lehrer kann innerhalb dieser 24 Stunden so lange und oft die Tartanbahn umrunden, wie er möchte und kann. Lokale Firmen spenden 1 Cent pro Runde, der einem guten Zweck zugeführt wird. Die Ergebnisse sind erstaunlich, manche Schüler erreichen weit mehr als die doppelte Marathon-Distanz, und erstaunlich ist auch, was für ein Zusammengehörigkeitsgefühl und Leistungswille entsteht. Einzel- und Mannschaftswertungen geben jedem die Möglichkeit, innerhalb seines Leistungsvermögens mitzuwirken am gemeinsamen Erfolgserlebnis.

Diese wenigen Worte können eine solche Erfahrung sicherlich nur sehr unzureichend vermitteln, man muss schon vor Ort sein und so etwas erleben, um zu wissen: Die No-Bock- und No-Future-Generationen, die "faulen Schüler", von denen immer gesprochen wird, sind ein Mythos. Dieser Mythos wird derzeit noch künstlich aufrechterhalten, indem Schüler in Strukturen leben müssen, die nachgewiesenermaßen lebensunwürdig sind. Während keiner von uns sein Auto mit der Handkurbel startet, wundern wir uns gleichzeitig, dass Kinder nicht lernen und leisten möchten, wenn sie in Strukturen leben müssen, die vor 150 Jahren zeitgemäß waren!
Wer Leistung erwartet, muss heute eben auch die Voraussetzungen schaffen, in denen dies geschehen kann. Unsere Schulsysteme ermöglichen diese Rahmenbedingungen jedenfalls leider (noch) nicht - und lassen deshalb auch keine wirklich guten Leistungen zu. Aber vielleicht ist ein anderes System auch gar nicht gewünscht, wäre doch dort gefragt, selbstverantwortlich zu Denken und zu Handeln, anstatt in einem unnatürlichen Takt oft wertloses (und teilweise sogar nachweislich falsches) Wissen eingebläut zu bekommen - bzw. gerade das nicht zu lernen, was man für ein erfolgreiches und zufriedenes Leben benötigen würde?
Ist es verwunderlich, dass man in der Schule nicht lernt,

  • wie man wirklich und effektiv lernt,

  • wie man im hier und jetzt lebt, präsent ist, sich und das, was man sagen möchte, effektiv präsentiert,

  • wie man mit anderen Menschen erfolgreich kommuniziert,

  • wie man sich ästhetisch und bewegt und einen guten Auftritt hinlegt,

  • wie man mit der Öffentlichkeit, mit Presse und Medien umgeht,

  • wie man Verführungen widersteht - und, um das erfolgreich zu durchschauen - wie man manipuliert und manipuliert wird,

  • wie man ein Unternehmen oder Projekt erfolgreich durchführt,

  • wie man Finanz- und Geschäftsentscheidungen trifft,

  • wie man echte Freunde erkennt,

  • wie man Probleme und (geistige) Grenzen überwindet,

  • wie man Wohlstand für alle Menschen auf unserem Planeten schafft,

  • wie man sich dauerhaft gesund erhält,

  • usw.

Hier stellt sich doch wirklich die Frage: Ist wirklich der selbstverantwortliche Bürger gewünscht, oder lassen nicht die jüngsten politischen Maßnahmen vielmehr vermuten, dass ein dummes Wahlvolk gerade recht ist? Ein Volk, dem erzählt wird, es müsse bereit sein, Selbstverantwortung zu übernehmen, das aber durch immer mehr Gesetze gegängelt wird und dem immer mehr Freiheitseinschränkungen auferlegt werden.

Hier möchte ich Schluß machen, denn ich bin schon recht weit weg von der Eingangs gestellten Frage: Wie lernen funktioniert. Und außerdem wird einiges von dem, was ich hier schreibe, in meinem nächsten Buch ausführlich weitergeschrieben werden. Wer möchte, kann sich hier schon mal vormerken lassen. ;-))